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Kiddicraft: Die Geschichte des Klemmbausteins

Sebastian Kirst
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Alle Welt kennt den dänischen Marktführer. Aber die eigentliche Geschichte des Klemmbausteins beginnt mit gerade mal 100 Pfund Sterling, einem kleinen Laden in Südengland und einem Mann, der nie erfahren sollte, welchen Siegeszug seine Erfindung antreten würde.

Hilary Page: Der Mann hinter dem Stein

Historische Kiddicraft-Kunststoffspielzeuge aus den 1930er bis 1950er Jahren, entwickelt von Hilary Page als Sensible Toys
Kiddicraft war weit mehr als Klemmbausteine: Stapelbecher, Sortierspiele, Ringe - Hilary Pages gesamte "Sensible Toys"-Linie aus Kunststoff. Foto: Infomatique, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0

Hilary "Harry" Fisher Page wurde am 20. August 1904 im südenglischen Sanderstead, Surrey, geboren. Schon als Kind war seine Leidenschaft für selbst gebautes Spielzeug unverkennbar. Sein Vater, ein Mann im Holzhandel, schenkte ihm einmal zwei Tonnen Altholz zum Geburtstag. Kein schlechtes Geschenk für einen Jungen, der lieber bastelte als Fußball spielte.

Nach der Schule arbeitete Page zunächst wie sein Vater in der Holzbranche. Die Idee, Spielzeug zu entwickeln, das Kinder wirklich fördert, ließ ihn aber nicht los. 1932 war es so weit: Mit seinen Ersparnissen von 100 Pfund Sterling gründete Page gemeinsam mit einigen Partnern in Purley einen kleinen Spielwarenladen namens Kiddicraft. Zunächst importierten sie Holzspielzeug aus Russland, Page begann aber bald, eigene Spielzeuge zu entwickeln.

Was ihn von anderen Spielzeugmachern seiner Zeit unterschied: Page beobachtete Kinder. Systematisch. Er besuchte Vorschuleinrichtungen, studierte das Spielverhalten von Kleinkindern und zog daraus Schlüsse für seine Entwicklungsarbeit. Das Ergebnis war eine ganze Produktlinie aus Kunststoff, die jede Phase der frühkindlichen Entwicklung abdeckte: Stapelspiele, Sortierboxen, Becher, Ringe und eben die Klemmbausteine. Als Kiddicraft 1937 Konkurs anmelden musste, nutzte Page die Zwangspause, um seine Beobachtungen zu vertiefen und zu Papier zu bringen. 1938 erschien sein erstes Buch: Playtime in the First Five Years.

Von Holzspielzeug zu Interlocking Bricks

Originale Bri-Plax Interlocking Building Cubes von Hilary Fisher Page aus dem Jahr 1939, patentiert als erster Klemmbaustein weltweit
Die originalen Bri-Plax Interlocking Building Cubes von 1939: Pages erstes Patent für einen Klemmbaustein, gefertigt aus Harnstoff-Formaldehyd-Kunststoff. Foto: Azurebrick, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0

Da seine Kiddicraft-Partner einen Wechsel auf Kunststoffproduktion stets als zu riskant ablehnten, gründete Page bereits 1936 ein zweites Unternehmen: British Plastic Toys Ltd, kurz Bri-Plax. Hier entwickelte er seine sogenannten "Sensible Toys", kindgerecht, bunt, aus Kunststoff, abwaschbar. Eine klare Absage an den Holzspielzeug-Standard der Zeit.

Eines dieser Sensible Toys sollte Geschichte schreiben: die Interlocking Building Cubes. Farbige Kunststoffbausteine, die sich ineinander stecken ließen. Am 17. April 1939 meldete Page das Konzept beim Londoner Patentamt an. Es war das erste Patent für einen Klemmbaustein weltweit. Weitere Patente folgten 1944, 1945 und 1949, das System wurde kontinuierlich verfeinert, bis aus den Interlocking Building Cubes die Self-Locking Building Bricks wurden: dem modernen Klemmbaustein in Form und Rastermaß bereits sehr nahe.

Unterseite eines Kiddicraft Self-Locking Building Brick von 1947, Hilary Page Design, zeigt die hohle Konstruktion und das Rastermaß
Unterseite eines Kiddicraft Self-Locking Building Brick von 1947: Die hohle Konstruktion und das präzise Rastermaß machten den Stein steckbar - das Grundprinzip aller modernen Klemmbausteine. Foto: Stubbornman, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Nach dem Zweiten Weltkrieg (Pages Produktion war kriegsbedingt zeitweise gestoppt worden) kamen die Sensible Toys nun auch unter dem alten Markennamen Kiddicraft in den Handel. Das Unternehmen wuchs, expandierte nach Frankreich, Deutschland und Spanien. Es lief gut, zumindest für eine Weile.

Die Verbindung zu LEGO®: Eine Geschichte, die nie ganz aufgeklärt wurde

Detailvergleich zwischen einem originalen Kiddicraft Self-Locking Brick und einem frühen LEGO Baustein - gleiche Noppen, gleiches Rastermaß
Kiddicraft-Stein links, früher LEGO-Stein rechts: Gleiche Noppen, gleiches Rastermaß, gleiche Grundidee. Foto: Stubbornman, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

1947 bestellten die dänischen Spielzeugmacher Ole Kirk Christiansen und sein Sohn Godtfred Kirk Christiansen eine Spritzgießmaschine in London. Der Vertreter des britischen Maschinenherstellers legte ihnen dabei als Beispiel für die Möglichkeiten des Spritzgussverfahrens Mustersteine von Kiddicraft vor. Gut belegt ist: Das Design der ersten LEGO®-Steine orientierte sich an Pages Self-Locking Bricks.

Originalzeichnung aus dem Kiddicraft-Patent von 1949, zeigt die technische Konstruktion der Self-Locking Building Bricks von Hilary Page
Die Patentzeichnung von 1949: Hilary Page ließ seine Self-Locking Building Bricks bis ins Detail dokumentieren - zu spät, um die dänische Konkurrenz noch zu stoppen. Foto: Wikimedia Commons, gemeinfrei

Was genau damals zwischen London und Billund lief, lässt sich heute nicht mehr vollständig rekonstruieren. Hilary und Oreline Page besuchten Dänemark im Juni 1949, ob sie die Christiansens dabei trafen, ist nicht gesichert. Pages Witwe und Töchter gaben später an, Page seien die LEGO®-Steine gar nicht bekannt gewesen. Fakt ist: Page hatte seine Patente nur für Großbritannien und Kanada angemeldet, nicht für Dänemark. Das dänische Unternehmen nutzte das System, ohne rechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen.

Und Hilary Page? Der ahnte nichts davon. Er war zu sehr damit beschäftigt, sein nächstes großes Projekt umzusetzen: die Kiddicraft Miniatures, verkleinerte Spielzeug-Versionen von Haushaltsgegenständen und Lebensmitteln, für die er über 300 Lizenzvereinbarungen schloss. Das Projekt drohte zu scheitern. Page, der immer wieder wirtschaftlich am Rand stand, sah keine Möglichkeit mehr. Am 24. Juni 1957 nahm er sich das Leben, ohne zu wissen, dass seine Erfindung als dänischer Klemmbaustein gerade dabei war, die Welt zu erobern.

2007, fünfzig Jahre nach seinem Tod, wurde Hilary Page postum mit dem Lifetime Achievement Award der British Toy & Hobby Association ausgezeichnet. Den Preis nahmen seine drei Töchter entgegen.

Kiddicraft nach Hilary Page: Jahrzehnte im Hintergrund

Nach Pages Tod führten seine Witwe Oreline und seine Partner das Unternehmen weiter. 1977 verkaufte Oreline Page die Firma an die Hestair-Firmengruppe. 1981 erwarb LEGO® sämtliche Rechte an den Kiddicraft-Entwürfen von Hestair, für 45.000 Pfund Sterling. Ein spätes Eingeständnis, wie bedeutsam das Original war.

1989 wechselte der Markenname Kiddicraft erneut den Besitzer. Der US-amerikanische Spielzeugkonzern Fisher-Price übernahm die Rechte. Unter Fisher-Price (später Teil des Mattel-Konzerns) wurde die Marke noch bis Mitte der 1990er Jahre genutzt, allerdings ohne jeden Bezug zum ursprünglichen Klemmbaustein-System. 2001 gab das Unternehmen den Namen endgültig auf.

Kiddicraft verschwand. Für über zwei Jahrzehnte.

Die Wiedergeburt: Thorsten Klahold und Johnny's World

Wer im Klemmbaustein-Kosmos unterwegs ist, kennt Thorsten Klahold. Auf YouTube bekannt als Johnny's World, gehört er zu den bekanntesten deutschsprachigen Klemmbaustein-Creatorn. Was viele nicht wissen: Er ist auch der Mann, der Kiddicraft zurückgebracht hat.

Klahold sicherte sich die Markenrechte an Kiddicraft und gründete die Dark-Side-Bricks GmbH. Dahinter steckt mehr als ein Markeneintrag: Ein sechsstelliger Betrag floss in Figuren, Sets, Design und Schutzrechte. 2022 informierte Klahold nach Ablauf der Widerspruchsfrist die Öffentlichkeit über das Projekt.

Das Herzstück der neuen Kiddicraft-Welt ist die KIDDIZ-Figur, eine eigens entwickelte Spielfigur, die 100 % kompatibel zum LEGO®-System ist, ohne dabei dessen geschützte 3D-Marke zu verletzen. Eine echte Alternative, rechtssicher und mit eigenem Charakter. Seit 2023 sind die ersten Sets erhältlich, und die Community hat sie mit offenen Armen empfangen.

Was Klahold mit Kiddicraft macht, ist keine bloße Nostalgie-Übung. Es ist der Versuch, einer zu Unrecht vergessenen Marke wieder den Platz zu geben, der ihr zusteht: als Marke aus der Community für die Community.

Wir bei KiSebA sind nicht unkritisch, wenn es um Klemmbaustein-Alternativen geht. Wer schon mal einen billigen Klon in der Hand hatte, weiß warum: wackelige Verbindungen, verblassende Farben, unlesbare Anleitungen. Bei Kiddicraft haben wir das nicht vorgefunden. Steinqualität, Passgenauigkeit, Druckqualität, alles überzeugend. Deswegen ist Kiddicraft in unserem Sortiment.

Kiddicraft heute: Sets, Figuren und Qualität

Das aktuelle Sortiment umfasst fünf Welten: Brickfarm mit Bauernhof-Sets, Traktoren und Tiergehegen, Bricity mit Feuerwehr, Polizei und Uschis legendärer Wurstbude, Herocraft mit Rittern, Orks und Dungeons, Moin mit maritimen Sets für Nordsee-Fans und den KIDDIZ Packs mit über 15 Figurenthemen. Alle Sets sind 100 % kompatibel zum LEGO®-System, ab 5 Jahren freigegeben und Designed in Germany.

Fazit: Eine Marke, die es verdient hat

Hilary Page hatte die Idee. Er hat das Rastermaß entwickelt, das Patent angemeldet, den Klemmbaustein in die Welt gebracht und nie erfahren, welche Wirkung das hatte. Kiddicraft geriet in Vergessenheit, erst durch Fisher-Price, dann durch zwei Jahrzehnte Stille.

Dass Thorsten Klahold diese Marke zurückgebracht hat, mit echtem Herzblut, echtem Investment und echten Sets, ist mehr als ein cleverer Marketingzug. Es ist eine späte Anerkennung für einen Mann und eine Marke, die den Klemmbaustein erfunden haben.

Und die Qualität gibt dem Ganzen recht. Wir empfehlen Kiddicraft, nicht weil die Geschichte schön ist, sondern weil die Sets gut sind.

Kiddicraft im KiSebA-Shop entdecken:
Zur Kiddicraft-Übersicht, oder direkt in eine der Welten eintauchen: Herocraft | Moin | KIDDIZ Packs

Quellen und weiterführende Infos: Wikipedia: Hilary Page | Kiddicraft

Zuletzt aktualisiert: April 2026